Zu Hause mithelfen – und trotzdem auf meine Grenzen achten?

Wenn jemand in deiner Familie plötzlich schwer krank wird, ändert sich vieles. Oft packen dann auch Kinder und Jugendliche im Alltag mehr mit an und tragen mehr Verantwortung, damit "alles läuft".
Das ist wichtig – aber genauso wichtig ist es, dass du dich selbst dabei nicht aus den Augen verlierst.
Wie kann ich jetzt zu Hause mithelfen?
- Verständnis für die Eltern: Deine Eltern sind vielleicht im „Krisenmodus“ und reagieren anders als sonst. Im Krisenmodus geht es ums Funktionieren. Da stehen manche anderen Dinge manchmal hinten an.
- Miteinander reden: Je mehr ihr jetzt offen miteinander reden könnt, umso besser! Vielleicht kannst du deinen Eltern mitteilen, dass es dir helfen würde, gemeinsam auf die neue Situation zu schauen. Setzt euch als Familie zusammen und besprecht: „Wie gehen wir das jetzt an? Was kann und will jede*r übernehmen? Wie geht es uns dabei?“ Oft gibt es Beratungsstellen, die euch bei diesen Fragen helfen können.
Was du noch tun könntest um in deiner Familie zu helfen
Verantwortung übernehmen – in dem Maß, das für dich passt:
- Für dich selbst: Zimmer aufräumen, Hausaufgaben rechtzeitig erledigen, eigene Termine im Blick behalten.
- Im Haushalt: z. B. Tisch decken oder Müll rausbringen.
- Bei Geschwistern: bei Hausaufgaben helfen oder sie beschäftigen.
Achte dabei darauf, dass du keine Aufgaben dauerhaft übernimmst, die dich belasten oder für die du dich nicht bereit fühlst.
...wenn dir die Aufgaben zu viel werden
Gerade in solchen Krisen, in denen alles durcheinander gewirbelt ist, haben wir ein großes Verantwortungsgefühl für unsere Familie. Wir übernehmen oft Aufgaben, die jetzt gerade niemand (mehr) übernehmen kann. Wenn du mit einem erkrankten, alleinerziehenden Elterntei zusammen lebst, trifft das meist umso mehr zu. Dann übernimmst du vielleicht sehr viel Verantwortung für deine kleinen Geschwister - bringst sie zur Schule oder Kita, machst ihnen Essen oder passt auf sie auf. Wenn dein Elternteil selbst erkrankt ist kümmerst du dich vielleicht auch mit ganz praktischen Aufgaben - hilfst vielleicht beim Anziehen, Essen oder Waschen.
Manchmal fühlt es sich gut an, zu Hause mithelfen zu können, manchmal hat man aber auch das Gefühl, gar keine andere Wahl zu haben. Gerade dann ist es wichtig, darüber zu sprechen - mit deinen Eltern, anderen Menschen denen du vertraust oder auch Beratungsstellen oder Schulsozialarbeitern.
Welche Aufgaben sollte ich nicht übernehmen?
Jede Familiensituation bei Krankheit ist anders. Daher gibt es auch keine klaren Regeln oder Grenzen, welche Aufgaben Kinder und Jugendliche zu Hause übernehmen können und welche sie nicht übernehmen sollten. Auch fällt es vielen Jugendlichen nicht immer leicht, zu spüren, wenn bestimmte Aufgaben zu Hause sie eigentlich überlasten oder unangenehm sind.
Wir haben daher ein paar Tipps zusammengestellt, an denen du dich orientieren kannst:
- Hör auf dein Gefühl: das Helfen beim An- und Ausziehen, beim Essen oder Haare kämmen fühlt sich bei dir unangenehm "nah" an oder löst sogar Scham oder Ekel aus? Du musst den Alltag für deine Geschwister organsieren, für deine Eltern Dokumente oder Gespräche übersetzen oder Rechnungen bezahlen und fühlst dich damit überfordert?
Dann solltest du diese Aufgaben an jemand anderen abgeben! - Wenn niemand anders da ist, der eine deinerAufgabe übernehmen kann, solltest du darüber mit deinen Eltern sprechen. Als Jugendliche*r solltest du nicht verpflichtet sein, große Verantwortung zu Hause zu übernehmen und immer auch die Möglichkeit haben, Zeit mit Freunden oder für die Schule zu verbringen. Du musst dich ums Abendessen kümmern, weil sonst niemand es tut? Wenn du nicht die Wäsche waschen würdest, hättet ihr nichts Sauberes mehr zum anziehen? Dann ist Zeit euch Beratung zu suchen und nach Alternativen zu schauen! Haushaltshilfen, Pflegedienste etc. stehen hier zur Verfügung.
- Intime Pflegetätigkeiten an Erwachsenen solltest du nicht übernehmen müssen: Beim Baden und Duschen helfen, auf der Toilette helfen, Katheder wechseln oder anderes sollten immer andere Menschen übernehmen. Lasst euch beraten, welche Hilfen es dann gibt, die das kostenlos übernehmen.
- Wenn du keine Zeit mehr für Freunde, Hobbies, Schule oder dich selbst hast, ist es an der Zeit deine Verantwortung zu Hause zu reduzieren! Dies sind alles wichtige Bausteine für deine Entwicklung und deine seelische Gesundheit.
Wie achte ich auf meine Grenzen?
- Grenzen erkennen: In einer Krise merkst du vielleicht erst spät, dass du zu viel machst. Überlege: Mit welchen Aufgaben fühle ich mich noch okay, welche überfordern mich?
- Warnsignale ernst nehmen: Körperliche Beschwerden wie Kopfschmerzen oder ständige Müdigkeit, oder wenn dir Hobbys und Treffen mit Freund*innen keinen Spaß mehr machen – all das sind Anzeichen, dass es zu viel wird.
- Darüber reden: Sprich mit deinen Eltern oder mit jemandem außerhalb der Familie, dem du vertraust.
- Auszeiten schaffen: Plane bewusst Momente für dich: allein, mit Freund*innen oder beim Hobby.
- Dich selbst wichtig nehmen: Deine Wünsche und Probleme sind genauso wichtig – auch in dieser schwierigen Zeit.
- Frühzeitig gegensteuern: Überforderung wächst, wenn man sie ignoriert. Sprich es rechtzeitig an und informiere dich über Unterstützungsmöglichkeiten.
- Nein sagen ist erlaubt: Hab kein schlechtes Gewissen, wenn du eine Aufgabe ablehnst.
- Wenn es keine Alternativen gibt: Manchmal gibt es Phasen, in denen du trotzdem mehr übernehmen musst. Umso wichtiger ist es dann, dir Unterstützung und Ausgleich zu suchen.
Und warum das wichtig ist
Nur wenn du selbst auf dich achtest, kannst du auch langfristig für andere da sein. Deine Energie ist nicht unendlich – aber du kannst lernen, gut damit umzugehen. Mithelfen ist stark, Grenzen setzen aber genauso.
Wo finde ich Hilfe?
Manchmal ist die Krise nach der Erkrankung eines Familienmitglieds so groß, dass es nicht ohne Hilfe von außen klappt. Deine Eltern sind in der Verantwortung, sich um Hilfe zu kümmern. Aber auch, wenn du selbst dich überlastet fühlst, darfst du dir Hilfe holen. Schau mal auf unserer Website unter der Rubrik Hilfsangebote nach.
